Global perspectives

In dieser Themenreihe referieren Theolog:innen aus aller Welt zu verschiedenen theologischen Themen.

Plurale Perspektiven

Da wir in unserem Studienalltag hauptsächlich weiße, deutsche Theologen lesen, soll hier Raum für mehr sein. Wir wollen nicht nur fordern, sondern auch beitragen - internationale Perspektiven, neue thematische Impulse, befreiende theologische Gedanken.

Nach unserer Überzeugung partizipieren grundsätzlich alle an der produktiven und rezeptiven Pflege theologischer Lehre. Wissenschaft meint immer Wissenserweiterung, und zwar auf verallgemeinernde Art. Dafür braucht es plurale Perspektiven. Erst das Bewusstsein über die pluralen Perspektiven lässt uns erkennen, dass uns nicht nur der Zeitgeist und die geschichtliche Verordnung bestimmen, sondern auch Klasse, Ethnie, Geschlecht, Nationalität, Bildung und familiärer Hintergrund, Einfluss auf unser theologisches Treiben haben. 

Darum ging's:

Unsere Themenabende zum Nachschauen und Lesen findest Du hier.

1 Postkoloniale Theologie: 

"Postkoloniale Kritik ist eine Anfrage an das Ganze der Theologie“

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- Auftaktveranstaltung -


Heike Walz, Professorin für Interkulturelle Theologie, Missions- und Religionswissenschaft an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau, hat für #theoversity die Auftaktveranstaltung der Reihe „Global Perspectives on Theology“ gestaltet. Am 10.12.2020 hat sie 59 Teilnehmer:innen aus Leipzig und ganz Deutschland mit einem Online-Vortrag in postkoloniale Theologie eingeführt. Walz hat dabei betont: Dialog und Kommunikation unterschiedlicher Kulturen auf Augenhöhe sind ein Beitrag zum globalen Frieden.
(📌Zu den Vortragsfolien)

Auch wenn das Kapitel „Kolonialismus“ in deutschen Schulbüchern meist kurz ist, hat die Phase der europäischen Herrschaft über weite Teile der Erde große Wirkungen und Nachwirkungen. „Bis heute sind koloniale Strukturen in unsere Alltagsstruktur eingeschrieben“, so Walz. Postkolonialen Theologien – die aufgrund ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit besser im Plural zu bezeichnen seien – regen dazu an, diese impliziten oder expliziten Denkmuster zu erkennen und zu reflektieren. Hierzu sei es insbesondere nötig, die kontextuelle Verhaftung der eigenen Position zu erkennen und zu reflektieren. Der Dialog mit marginalisierten Positionen und Personen spiele die entscheidende Rolle, um eine nachhaltige Transformation bzw. Dekolonisierung des Diskurses zu erreichen.
Leitfragen zur Reflexion gruppieren sich um das Thema „Macht und Gewalt“. 

·       Wie sind wir in unterdrückende oder ausbeutende Strukturen verwickelt? 

·       Welche Macht- und Gewaltstrukturen sind überhaupt etabliert?

·       Inwiefern wird „epistemische Gewalt“ verübt?

·       Wie wird der „globale Süden“ symbolisch repräsentiert und gewertet?

·       Werden Menschen in der außerwestlichen Welt nach europäischem Gutdünken              „neu erfunden“ oder zu „ganz anderen“ gemacht? 

·       Wird den Subalternen eine eigene Stimme zugestanden?

Durch die Auseinandersetzung mit diesen Fragenkomplexen und den Theologien aus anderen Kontexten könne es gelingen, sich die eigene Tradition kritisch anzueignen. Als „Rereading and Rewriting Theology“ stellt Walz diese Methode vor. Sie lasse sich auf alle Bereiche der Theologie anwenden: Auf die Lektüre und Rezeption heiliger Texte ebenso wie auf Entwürfe der Systematischen Theologie oder historische Quellentexte. Dazu müsse man häufig zwischen den Zeilen oder gegen den Strich lesen: Von welchen Erfolgen indigener Frauen erzählen die Quellentexte über europäische Missionare? Welcher Hintergrund begünstigt z.B. eine bestimmte christologische Schwerpunktsetzung und was sind die Folgen für andere Kontexte?

Bewährt habe sich hierfür das kontrapunktische Lesen. Edward Said, ein Pionier der Postkolonialen Theorie, hat diese Vorgehensweise eingebracht. Dabei werden Texte unterschiedlicher Kontexte zu einem Thema parallel gelesen. „So treten Lücken, Abwesenheiten und Ungleichgewichte zwischen den Texten hervor“, berichtet Walz. Wichtig sei jedoch, diese Unterschiede nicht zu bewerten oder die Texte gegeneinander auszuspielen.

Professorin Walz warnt allerdings auch davor, postkoloniale Theologien zu unkritisch und naiv zu betrachten. „Man sollte nicht per se einen Kniefall vor ihnen machen“, stellt sie klar, denn auch postkoloniale Zugänge können beinhalten, was sie eigentlich kritisieren. Vorsicht gelte bei moralisch und emotional aufgeladenen Diskursen. Auch die politische Involvierung mancher Strömungen gelte es mit zu bedenken. Von Fall zu Fall sollte man sich außerdem fragen: Ist Kolonialismus wirklich der Kern dieses Problems?

Postkoloniale Theologien stünden in Deutschland noch in den Kinderschuhen, hält Walz fest. Sie sei aber ein Zugang zur Theologie, der zu mehr Gerechtigkeit und Verständnis zwischen den Kulturen beitragen könne.

 


2 Kritisches Weißsein

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"Bis heute ist über Rassismus in der Kirche oder auch woanders zu sprechen unangenehm oder unerwünscht. Aber wenn wir mit Menschen aus verschiedenen Herkunften im Glauben unterwegs sind, und ist es gut so, dann müssen wir doch auch über solche heikel Themen sprechen,
Themen die beide Seiten betreffen, oder?"
(Dr. Emmanuel Kileo)


🎬  Youtube: Der Vortrag kann hier nachgeschaut werden.
📌 Für Leseratten: Herr Dr. Kileos Vortragsskript

GLIEDERUNG:
1. Annäherungen an das Thema „Schwarz – Weiß“
2. Einblick in die kritische Weißseinsforschung
3. Weißsein als Ideologie in der heutigen deutschen Gesellschaft
  3.1. Tabuisierung des Begriffes „Rassismus“
  3.2. Die unverdiente Überprivilegierung der weißen Deutschen 
  3.3. Weißsein im kirchlichen Kontext

3 Anspruch und Wirklichkeit

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Die aus Indien stammende Pastorin Joy Devakani Hoppe berichetet aus ihrem Alltag in einer weißen Kirche. Sie spricht mitten aus der Praxis - erzählt von ihrem Studium in Indien, westlicher Deutungshoheit in Bildung und Theologie oder Bildungsimpulsen für white people. Eines ist sicher: Die Terminologie verändern bringt nichts, wenn der Inhalt gleich bleibt. Ein packender Vortrag mit vielen wertvollen Impulsen.

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 4 Podiumsdiskussion Mission Postkolonial 

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Im imperialistischen Zeitalter waren Missioner:innen sowohl Wegbereiter:innen als auch Widerständler:innen im kolonialen System. Wie hat sich der Missionsbegriff in den letzten Jahrzehnten verändert? Welches Selbstverständnis haben Missionar:innen und Missionswerke heute? Wie können wir heute mir der historischen Verantwortung umgehe, die aus der Verbindung von Mission und Kolonialismus erwächst? Und wo setzen wir koloniale Systeme vielleicht sogar unbewusst fort? Darüber bringt #theoversity Leipzig Postkolonial und das Leipziger Missionswerk ins Gespräch.

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5 Eine lateinamerikanische Lesart der Bibel

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Können biblische Texte die brennenden Fragen unserer Gegenwart beantworten? Wer legt die biblischen Texte aus und wie geschieht das? Karla Steilmann aus Paraguay gibt dazu auf Deutsch sowohl Einblicke aus ihrer Dissertation über das Matriarchat im Alten Israel als auch eine Einführung in eine Methode der lateinamerikanischen Bibelauslegung. Dabei werden v.a. sozialpolitische Kontexte - sowohl von damals als auch von heute - wahrgenommen und über ihre historischen Bedeutungen hinaus weitergedacht. Es ist praktisch und interaktiv – ihr dürft gespannt sein!

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📝 Handout/ Arbeitshilfe von Karla Steilmann: Lateinamerikanische Bibellesart mit (Gemeinde-) Gruppen ausprobieren - eine Anleitung sowie Literaturhinweise 

6 Frauenordination in Lettland

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"Für mich ist das furchtbar schmerzhaft - wie Stiche in den Rücken."
(Stimme einer lettischen Pastorin in Reaktion auf die Abschaffung der Frauenordination)

Die Frauenordination ist nur eine Streitfrage in der Römisch-Katholischen Kirche? Von wegen! Es gibt auch evangelische Kirchen, die keine Frauen ordinieren. Die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands hat 2016 Schlagzeilen gemacht, dass sie Frauen die Möglichkeit, sich ordinieren zu lassen, wieder aberkannt hat. Wie geht es den Frauen und Theologinnen in Lettland seitdem? Was bedeutet es für die Gemeinschaft der Kirchen in Europa, wenn Geschwister im Glauben so einen Schritt vollziehen? Zu diesen und weiteren Fragen referiert die lettische Professorin und Theologin Dace Balode aus Riga.

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7 Chinesisches Christentum

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Nachdem das Christentum in China im 20. Jahrhundert zeitweise verboten war, nimmt die Zahl der christlichen Gläubigen im Land seit Jahrzehnten rapide zu. Gleichzeitig wird das Christentum trotz seiner mehr als tausendjährigen Geschichte in China immer noch skeptisch als "fremde Religion" betrachtet. Wie sieht eine chinesische kontextuelle Theologie aus? Und in welchem Verhältnis steht sie zur chinesischen Politik und Gesellschaft?  Dr. Ruomin Liu ist Studienleiter an der Missionsakademie Hamburg.

🎬 zur Aufzeichnung auf Youtube

8 Postkolonial-feministische Homiletik

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Wer kritisch und sensibel predigt, kann der Gottesdienst-Gemeinde neue Horizonte eröffnen. Und wer für die Zuhörenden umsetzt, was postkolonial-feministische Theologie erarbeitet hat, kann dazu beitragen, dass sich wirklich etwas verändert in Gemeinde und Gesellschaft. Deshalb wird es auf der Kanzel ernst: Schaffen wir es, die Ergebnisse diversitysensibler Theologie unter die Leute zu bringen? Und wie werden wir darauf vorbereitet? PD. Dr. Sabrina Müller hat deutsche Homiletikseminare und die gängige Standardliteratur näher beleuchtet und dekonstruiert. Sie forscht am Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich. Im Vortrag diskutiert sie, wie eine postkolonial-feministische Perspektive die Homiletik bereichern kann.

🎬 zur Aufzeichnung auf Youtube

Die Kanzel als Ort der Macht - wer wie Sabrina Müller stattdessen vorschlägt, empowerend und im Kollektiv der Verkündigung des Evangeliums nachgehen will, kann dafür mit der Vorlage von Karla Steilmann (Nr. 5) anfangen. 🚀

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